.

Kasia Fudakowski
Living with grave potential

8. November 2021 – 30. Januar 2022

Eröffnung: 7. November 2021, 14 – 17 Uhr

 

Wir freuen uns, wie immer in Zusammenarbeit mit PSM und dieses Mal auch mit der Galerie ChertLüdde aus Berlin im Kornspeicher und im Gutshaus die Ausstellung Living with grave potential von Kasia Fudakowski präsentieren.

English Version

 

Unsere Kultur geht dem Ende entgegen.
Unsere Gesellschaft geht dem Ende entgegen.
Unsere Wirtschaft geht dem Ende entgegen.
Dein Körper geht dem Ende entgegen.[1]

 

Die Räumlichkeiten des Gutshauses bieten einen ehrwürdigen und doch ausgesprochen familiären Rahmen für Kasia Fudakowskis neue Textilarbeiten mit dem Titel Curtains for you – Oh Pancreas, Oh Pancreas! und My Heart, My Heart!, die beide für diese Ausstellung entwickelt wurden. „It’s curtains for us!“ („Für uns fällt der letzte Vorhang!“) ist eine scherzhafte englische Redewendung, die ausdrückt, dass das Ende nah ist; gemeinhin wird sie (auf theatralische oder auf humorvolle Art) von jemandem geäußert, der den eigenen Tod vor Augen hat.

Abgesehen von den ornamentreichen Vorhängen sind die beiden Salons beunruhigend leer. Bei näherer Betrachtung entpuppt sich das Muster als verschlungene Collage aus boshaften Darstellungen, die sich wiederholt über die Falten des Baumwollstoffs ziehen. Die aufgedruckte, zarte Malerei bildet Symptome von Pankreatitis, Gallenblasenerweiterung, Krebsgeschwüren, Aneurysmen und koronaren Herzerkrankungen ab; sie alle zählen zu den häufigsten Todesursachen im heutigen Europa.

Gemeinsam mit dem Kollektiv APT (Association for the Palliative Turn) hat Fudakowski nach Wegen gesucht, wie ihre Arbeit gegenüber dem desolaten Zustand, in dem sich unser Planet und die Menschheit gegenwärtig befinden, eine palliativere Haltung einnehmen könnte. APT definiert diese Haltung als Bewegung weg von Hoffnung und Fixierung auf die „heilende“ Rolle der Kunst hin zu Akzeptanz und Linderung des Schreckens angesichts der Unvermeidlichkeit des Endes. Die „Vereinigung für die palliative Wende“ nimmt das Grundprinzip der Sterbebegleitung, das hinter der Frage „Wie wollen wir sterben?“ steckt, und überträgt es auf die menschliche Gemeinschaft und auf die gesellschaftliche Rolle der Kultur. Curtains for you ist die aktive Anerkennung eines bevorstehenden Endes, eine Anerkennung, die das Leben bejaht und das Sterben als normalen und notwendigen Vorgang willkommen heißt, den man aktiv durchleben sollte.

Diese tiefe Wahrheit in eine ursprünglich für belanglose Unterhaltung konzipierte Kulisse zu bringen und sie in Heimtextilien zu verstecken ist eine karnevaleske Geste morbiden Humors. Das Publikum ist aufgerufen, sich von der Unvermeidlichkeit des körperlichen Versagens unterhalten zu lassen. Die latent doppelbödige Beschaffenheit dieses gleichermaßen erschreckenden wie komischen Memento mori ist kennzeichnend für Fudakowskis bevorzugtes Themengebiet. Ihre Praxis umfasst Skulptur, Film, Performance und Text und bewegt sich oft auf dem schmalen Grat zwischen Komik und Tragik; fast immer steuern ihre Werke auf eine selbstimplizierende Pointe zu, als deren Opfer wir uns alle letztlich erkennen.

Ähnliche Strategien zeigen sich auch im alten Kornspeicher von Gut Kerkow, wo ihre komplexe Installation Where is your alibi, Mr. Motorway? zu sehen ist. Im Mittelpunkt der Erzählstruktur steht ein ländliches Strafgericht. Eine Skulptur ist hier wegen Verstoßes gegen lokale Gesetze angeklagt. Verschiedene Elemente einer Gerichtsverhandlung, von der Respekt einflößenden Gebäudearchitektur bis hin zur wortreichen juristischen Logik, werden mit dieser Installation parodiert, sowohl ihr tragisches als auch ihr komisches Potenzial erfasst und auf den Punkt gebracht.

Die rotierende, knollenförmige Phallusskulptur in der Mitte des Raumes trägt den Titel G. S. O. H. (die Abkürzung für Good Sense of Humour) und verkörpert den Angeklagten. Sie entstand vier Jahre vor den anderen Werken der Installation, wurde „festgenommen und vorgeführt“, in den Kontext eines Gerichtsdramas gestellt und mit dem neuen Titel Mr. Motorway versehen (dem Inbegriff größter Hoffnung und gleichzeitig größter Angst in jeder dörflichen Gemeinde). Das kurze Video A Show Trial berichtet sowohl aus der „offiziellen“ als auch aus der „lokalen“ Perspektive über die Glanzleistungen im Gerichtssaal und enthüllt eine Kette von Irrtümern, falschen Schlussfolgerungen, Voreingenommenheiten und Missverständnissen, die sich in den ausgestellten Skulpturen materialisieren.

Das Evidence Cabinet beispielsweise, das besorgniserregend selbstgezimmert wirkt, hängt irgendwo zwischen Wand und Decke und zeigt „Beweisstücke“ aus Salzteig. Identititisch erinnert an nach Zeugenaussagen angefertigte Phantombilder, dabei setzen sich die Gesichter der potenziellen Verdächtigen aus verunstaltetem Furnierholz zusammen. Reasonable Doubt besteht aus einer nach hinten geneigten bankähnlichen Konstruktion, die teilweise eingeklappt ist und die Spuren von abwesenden Geschworenen zeigt. Die Präsenz eines abwesenden Publikums lässt sich ebenfalls an den eingeritzten Kritzeleien auf dem zaunartigen Holzgerüst The Public Are Thirsty ablesen, an dem Objekte aus Salzteig aufgereiht sind und den Raum teilen. Die übereilt errichtete und daher fehlerhafte Konstruktion, von der Fahndungsfotos aus Salzteig herabhängen, trägt den Titel Precedents und verweist auf die allgemeine Rechtspraxis, sich bei späteren juristischen Argumentationen auf vorangegangene Urteile zu berufen.

Das Ganze vermittelt das Bild eines Strafsystems, das auf aus Salzteig gebastelten Beweismitteln beruht, einer Gerechtigkeit, die im zufälligen Auftreten von Astlöchern liegt, mit einem hastig erbauten Gerichtssaal, einer mit Statisten aus den Reihen der Anwesenden besetzten Geschworenenbank, einer durstigen Menschenmenge. Das Rechtssystem verlässt sich nur auf lokale Traditionen – ein Prozess als theatralisches Getöse und ein Urteil als willkürliche Formalität.

In diesem behelfsmäßigen Slapstick-Mahlstrom erhebt sich der Schrecken aus dem Komischen, nur um dann wieder in unsicheres Gelächter umzuschlagen; die Szenerie schwankt im Grunde zwischen Komödie und Tragödie, zwischen Humor und Schmerz. Curtains bildet hierzu einen passenden Kontrast und bietet existenziellen ästhetischen Trost, indem es aus dem körperlich Grotesken etwas hypnotisch Fesselndes und Schönes macht. Vom Gerichtssaal bis zur Anatomievorlesung zerlegt Fudakowski unsere menschliche Anmaßung mit einer absurden und doch forensischen Strenge, deren Wirkung uns unsicher macht, ob wir lachen, weinen oder beides tun sollen.

Text: Leila Peacock
Übersetzung: Nikolaus Süßdorf

 

Kasia Fudakowski (*1985, London, UK) lebt und arbeitet in Berlin, seit sie 2006 ihren Abschluss an der Ruskin School of Drawing and Fine Art, Oxford University, machte.

Mit ihrer vielfältigen und spielerischen Praxis, die Skulptur, Film, Performance und Schreiben umfasst, erkundet sie soziale Rätsel durch materielle Begegnungen, surreale Logik und seltsam anmutende Theorien. Ihre ständig expandierende, lebenslange Skulptur Continuouslessness (seit 2017 andauernd) besteht aus einem fest montierten Modulsystem von Verbindungsplatten, was ihr innerhalb eines strengen Rahmens völlige künstlerische Freiheit ermöglicht. Das Werk soll erst nach dem Tod der Künstlerin Vollendung erlangen.

Ihre Arbeiten beziehen sich oft auf den Reiz und die Gefahr binärer Kategorisierungen und auf die Absurdität, zu der diese in unserem politischen und gesellschaftlichen Klima führen; sie zeigen die Unstimmigkeiten bei kulturellen Normen auf. Ihrem Interesse an der Begrenztheit von Sprache geht die Künstlerin in ihrer seit 2016 fortlaufenden Filmreihe Word Count nach, deren Prämisse ein globales Beschränkungsgesetz zur Anzahl erlaubter gesprochener Wörter ist.

Wo sie Humor einsetzt, ist das Tragische nie fern, sodass sich ihre Werke oft zwischen Schrecken und Komik bewegen. Häufig macht sie sich zum Ziel ihrer eigenen Attacken und erforscht ihre Rolle als Künstlerin und das entsprechende Stereotyp mit einer für ihren Ansatz charakteristischen Mischung aus Ernsthaftigkeit und Respektlosigkeit. Ihrer langjährige Faszination für das Scheitern und ihre Neudefinition von Erfolg haben eine Reihe tragikomischer Performances und Texte hervorgebracht.

Zu den Ausstellungsorten von Fudakowskis Arbeiten gehören Palazzo Grassi – Punta della Dogana, Venedig; Museum Ludwig, Köln; Sprengel Museum Hannover; LOKremise – Kunstmuseum, St.Gallen; Deutsches Hygiene-Museum, Dresden; 15th Istanbul Biennial; SALTS, Basel; Kunstverein Braunschweig; Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf; Museo Marino Marini, Florenz; 1646, Den Haag; Futura Centre for Contemporary Art, Prag; Max Pechstein Museum, Zwickau; GAK Gesellschaft für Aktuelle Kunst, Bremen; Museum of Contemporary Art, San Diego; Künstlerhaus Bethanien, Berlin.

2019 war Fudakowski Artist in Residence an Istanbul Foundation for Culture and Arts und erhielt 2017 ein Stipendium der Villa Romana, nachdem sie zuvor am Stipendiatenprogramm von Fürstenberg Zeitgenössisch, Donaueschingen teilgenommen hatte. 2018 erhielt Fudakowski ein zweijähriges Förderstipendium der Günther-Peill-Stiftung.

Zu den Sammlungen, in denen Arbeiten von Fudakowski vertreten sind gehören Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland; GAM, Fondazione Torino Musei, Turin, Italy; AGI Verona, Italy; Furstenberg Collection, Donaueschingen; Frac des Pays de la Loire.

 

[1] APT-Manifest, 2020

PDF-Version