CATHERINE BIOCCA

Catherine Biocca
Mock Object

28. März – 18. Juli 2021

www.mock-object.com

 

Wir freuen uns, in Zusammenarbeit mit der Galerie PSM aus Berlin im Rahmen unseres Projekts SPACED OUT die mittlerweile zehnte Ausstellung zeitgenössischer Kunst auf Gut Kerkow zu präsentieren. Catherine Biocca hat für ihre Ausstellung Mock Object eine Audioinstallation entwickelt, in der sie die Balken des ehemaligen Kornspeichers über dem Hofladen zum Sprechen bringt. Der zweite Teil der Ausstellung befindet sich im Erdgeschoss des Gutshauses, wo Bioccas neueste, zeichnerische Arbeiten auf Marmor und PVC die Gediegenheit der einst herrschaftlichen Salons konterkarieren. Wir wünschen Ihnen viel Freude mit dem Ungewohnten!

Jochen und Christof Beutgen

 

MOCK-OBJEKT

 

„Ein Mock-Objekt (auch Attrappe, von englisch to mock‚ etwas vortäuschen) ist in der IT-Technologie ein Programmteil, der als Platzhalter für echte Objekte verwendet wird… Soll die Interaktion eines Objektes mit seiner Umgebung überprüft werden, muss vor dem eigentlichen Test die Umgebung nachgebildet werden… Mock-Objekte liefern keine Echtdaten, sondern vorher zum Testfall passend festgelegte Werte und können somit dazu verwendet werden, ein bestimmtes Verhalten nachzustellen.“ (Wikipedia)

 

Eine derart beschriebene Mimikry begegnet uns in Catherine Bioccas Audioinstallation auf mehreren Ebenen, wenngleich analog, weswegen man auch von Dummies sprechen könnte: Die schablonenartig zusammengesteckten Balkenfiguren simulieren das Fantasma eines lebendig gewordenen Gebälks, das aber keinen Hehl aus seiner Attrappe macht und sich so über die ortsspezifische Architektur, aber auch den beflissenen Kunstbetrachter lustig macht (= engl. to mock). Die murmelnden Monologe kreieren keinen kohärenten Diskurs, obwohl sie doch alle dasselbe faseln: Imperialistische Textfragmente eines Werbeclips von Scandinavian Airlines, in der eine Stimme aus dem Off mit der üblichen rhetorischen Raffinesse moderner Propaganda den heimkehrenden Fluggästen ihre Sehnsüchte überstülpt und deren Erfüllung selbstverständlich nur als potentiell suggeriert. Welches Bild wäre dafür besser geeignet als das eines fluffigen Wolkenhimmels? Und das muss man schon lange nicht mehr kreieren, das kann man in allerlei Platzhalterformen bestellen, insbesondere wenn wir uns des Mock-Objekts als Projektionsfläche gewahr werden wollen, hier im Kunstraum eines karikierten Kornspeichers. Gesagt getan: die semitransparenten Wolkenvorhänge, die der asiatische Hersteller als Arazini (italienisch für Wandteppiche, in der Tradition des 16. Jhd.) für EUR 17,99 pro Stück an Catherine Biocca geliefert hat, lassen sich nicht nur zur echten Projektion unerfüllter Weiten im beengten Wohnraum ausgemieteter Städte verwenden, sondern auch als Platzhalter für ‚Kunst‘ (wie sie mal war und manche sie immer noch wollen). Im Sinne des überlieferten Konzepts vom Readymade sind sie Mock sei Dank dann doch echte Kunst. Denkt man das auf mehreren Ebenen weiter – und das muss man, um nicht völlig lächerlich dazustehen –, entsteht ein idiosynkratisches Perpetuum Mobile sich mehrfach penetrierender Platzhalter, Echtdaten, realer Fiktionen, plumper Täuschungen usf. und man könnte fast annehmen, selbst ein Mock-Objekt sein zu müssen, um Subjekt werden zu können.

Bioccas Settings und Environments sind natürlich komisch, so natürlich wie ein brutaler Cartoon – bis zum sich drüber lustig machen (über das Opfer = Mock-Objekt = Du, ich oder es?). Für das echte Leben gibt es keinen Dummy-Test und im idealen sind nicht erst bei Scandinavian Airlines die Menschen selbst zu Mock-Objekten geworden. Anstelle einer Apotheose, des Sublimen oder wenigstens der Versöhnung mit den Widrigkeiten des Lebens (der ganze Katalog des humanistisch idealistischen Kunstverständnisses), ist das ‚Kunsterlebnis‘ bei Biocca bestimmt durch den Meta-Hohn eines Dummy-Tests ohne die Referenzumgebung eines echten – richtigen – Lebens im falschen, also eines ohne a priori implementierten Platzhalter. Das falsche schiebt uns Biocca nicht als unumgängliche Referenz unter, sondern als eines voll von Joker unterschiedlichster Art, die wir ggf. abbestellen, ausschalten oder returnieren können.

 

Catherine Biocca (*1984, IT) lebt und arbeitet in Berlin. Nach einem Studium der Politikwissenschaften in Rom studierte sie bei Georg Herold an der Kunstakademie Düsseldorf und nahm 2014 am Residency Program der Rijksakademie van beeldende kunsten in Amsterdam teil. Zu ihren Einzelausstellungen zählen You’re hired, Villa della Rose, Bologna, IT (2019); Complexity Cost, Greengrassi, London, UK (2019); Ancient Workers, Kunstfort Vijhuizen, NL (2018) und Bonsai Feeling, Kunstverein Nürnberg, DE (2017). Biocca war in Gruppenausstellungen vertreten wie Camouflage, LOK Kunstmuseum St-Gallen, CH (2019); Djima, GAK Bremen, D (2017); und der 3. Ural Industrial Biennial of Contemporary Art, Yekaterinburg, RU (2015). 2017 erhielt Biocca den Hans-Purrmann-Förderpreis der Stadt Speyer für Bildende Kunst und 2016 den STRABAG Art Award International. 2020 war Biocca Stipendiatin des Auswärtigen Amtes und hat kürzlich das Arbeitsstipendium Bildende Kunst der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa erhalten.

 

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